Die G&B-Kolumne für ein inspiriertes Leben und Golfen
„Darf der so?“ ist eine Frage aus der Jugendsprache, die Ihnen – sollten Sie mit einem Pubertier leben – sicher auch schon zu Ohren gekommen ist. Das heißt einerseits sehr konkret: „Darf jemand das so und so machen?“, aber es ist auch eine Anerkennung dafür, wenn jemand sich nicht um die Regeln schert, sondern einfach sein Ding macht.
Regeln sind so eine Sache: Sie schaffen einen sicheren Rahmen, sie sollen helfen, neandertalige Auseinandersetzungen zu vermeiden. Unter anderem ist der Golfsport als sogenannter Gentleman-Sport bekannt, weil es ein umfassendes Regel- und Verhaltenswerk gibt.
Das Blöde ist nur: Das funktioniert nur, wenn sich auch alle daran halten. Dass das auch auf dem Golfplatz nicht immer der Fall ist, wissen wir. Dann greift die klarste Regel: Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt raus.
Nun machen aber auch nicht alle Regeln zu jedem Zeitpunkt Sinn. Dann darf der gesunde Menschenverstand und ein gutes Maß an Toleranz und Abwägung greifen – denn das ist generell nicht nur sehr angenehm für alle Arten menschlicher Gruppeninteraktionen, sondern auch schonend für sich selbst. Schade, dass immer mehr Menschen wie die Berserker aufeinander losgehen, weil eine Regel nicht eingehalten wurde – auch wenn sie selbst keinerlei Schaden dadurch nehmen.
Ich erinnere mich an einen wunderbaren Urlaub im schönen Binz auf Rügen. Kilometerlanger, breiter Strand. Korrekt aufgeteilt in Hundestrände, FKK-Strände etc. Macht Sinn, wenn es voll ist. Ich war morgens am Strand, ein bisschen Bewegung, den Sonnenaufgang genießen. Zu dieser frühen Stunde waren kaum Menschen unterwegs. Der Himmel war in ein spektakuläres Orange getaucht – es würde ein herrlicher Tag werden.
Auf dem Weg zurück komme ich an „meinen“ Strandaufgang, an dem eine alte Dame gerade ihr morgendliches Bad genossen hatte. So, wie Gott sie schuf. Sie trocknete sich ab. Von der anderen Seite kam ein Herr mit einem niedlichen Hund, der brav neben ihm her trottete.
„Sie dürfen hier nicht mit Hund!“, stänkerte die Dame den Herren an. Der blieb stehen, schaute kurz verblüfft – und stänkerte zurück: „Und Sie dürfen hier nicht nackt.“
„Ja, aber Sie dürfen hier nicht mit Hund!“
„Aber Sie nicht nackt!“
Das Duell hatte Fahrt aufgenommen. Empört wiesen beide mit den Fingern in entgegengesetzte Richtungen, wo sich jeweils der Hunde- bzw. der FKK-Strand befanden.
Ich stand daneben, schwankte zwischen Amüsement und Ärger, weil mir das Gezeter den Blick auf die strahlende Morgensonne versaute. „Das stört doch niemanden. Schauen Sie doch: Dieser herrliche Morgen!“, warf ich ein, was zu kurzem Schweigen führte. Und dann ging es weiter: „Sie dürfen hier nicht …“
Ich wendete mich ab und staunte.
Beide hatten Regeln gebrochen. Beide hatten aber auch Regeln gebrochen, die um diese Uhrzeit mit so wenigen Leuten am Strand für niemanden relevant waren. Stattdessen hatten sie einfach ein bisschen Freiheit genossen. Ist ja eh selten geworden dieser Tage.
Deshalb: Wenn es niemand anderen belästigt oder einschränkt, gönnen Sie ihm oder ihr doch die eine oder andere kleine Freiheit, sodass andere über Sie fragen: „Darf der so?“ Auf dieser Seite hat man mehr Spaß.
Isabel Lasthaus
Isabel Lasthaus hilft seit 17 Jahren Menschen dabei, ein zufriedeneres und glücklicheres Leben zu führen – ob durch Atemarbeit und Meditation oder als Interventions-Coach und systemische Natur-Coach. Meist sehen wir einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht. Eine neue Perspektive kann da viel bewegen.
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