Auf eine Runde mit Prof. Dr. Arnold Weissman
NÜRNBERG – Arnold Weissman ist einer der profiliertesten Experten für Familienunternehmen in Deutschland. Seit Jahrzehnten begleitet er Unternehmerfamilien bei Strategie, Nachfolge und Organisationsentwicklung. Auf dem Golfplatz findet er Ausgleich und Inspiration – und zieht spannende Parallelen zwischenGolf und Business. Für unser Gespräch trafen wir uns im wunderbaren Ambiente von Birdies Indoor Golf in Nürnberg – eine perfekte Location und ein großartiger Gastgeber.
Herr Weissman, Sie beraten seit Jahrzehnten Familienunternehmen. Wenn Sie nicht im Konferenzraum stehen, findet man Sie oft auch auf dem Golfplatz. Was bedeutet Ihnen Golf persönlich – Ausgleich, Leidenschaft oder auch Inspirationsquelle?
Arnold Weissman: Für mich ist es eigentlich eine Mischung aus all dem. Golf hat für mich unglaublich viel mit Management zu tun. Man muss genau wissen, was man sich zutrauen kann – es ist ein Spiel gegen sich selbst. Anders als bei anderen Sportarten gibt es keinen direkten Gegner. Golf ist einerseits wie Schach, bei dem man Züge genau überdenken muss, und andererseits ein Spiel voller Intuition. Genau diese Kombination brauchen Sie auch im Unternehmertum: Gespür für Märkte und Kunden auf der einen Seite und strategische Logik auf der anderen.
Gibt es Parallelen zwischen dem Spiel auf dem Golfplatz und Ihrer Arbeit mit Unternehmerfamilien?
Weissman: Sehr viele. In Unternehmen steht am Anfang immer die Frage: Was ist das Ziel? Was möchte man erreichen? Es gibt strategische und operative Ziele, und man muss Wege finden, sie in Etappen zu erreichen. Das ist wie auf dem Golfplatz. Auch dort müssen Sie wissen, was ein vernünftiger Weg ist, und die Risiken richtig einschätzen.
Sie sagen oft, dass erfolgreiche Familienunternehmen nicht von Quartal zu Quartal denken dürfen, sondern in Generationen. Lässt sich das mit Golf vergleichen, wo man den gesamten Platz und nicht nur den nächsten Schlag im Blick haben sollte?
Weissman: Am Ende wird abgerechnet. Wenn Sie den ersten Schlag verhauen und glauben, der ganze Tag sei gelaufen, ist das die falsche Einstellung. Im Leben geht es darum, einmal mehr aufzustehen, als man hinfällt – heute nennt man das Resilienz. Kein Unternehmen hat nur Erfolge. Die Frage ist: Wie gehen Sie mit scheinbaren Niederlagen um?
Ich glaube, es gibt gar keine Niederlagen, sondern nur Lernchancen.
Im Golf bedeutet das: den schlechten Schlag vergessen und sich auf den nächsten konzentrieren. Im Unternehmen: Fehler abhaken, Mund abwischen und weitermachen.
Der Generationenwechsel gilt als Königsdisziplin der Familienunternehmer. Wie kann man eine Übergabe gestalten, ohne dass es zu großen Problemen kommt?
Weissman: Eine Nachfolge ist immer ein kritisches Ereignis. Die meisten erleben das nur einmal im Leben. Und es ist nicht nur ein sachliches, sondern auch ein emotionales Ereignis. Gute Vorbereitung ist entscheidend. Wir nennen das Family Governance – ein Regelwerk, in dem auch emotionale Fragen im Vorfeld geklärt werden. Natürlich spielen juristische Fragen eine Rolle: Wer darf was, wer darf nicht, wer hat welches Recht. Aber unterm Strich lässt sich das gut lösen, wenn man bereit ist, die nötige Aufmerksamkeit darauf zu verwenden.
Gibt es Beispiele, wie man durch gute Vorbereitung Konflikte verhindern kann?
Weissman: Zunächst muss man fragen: Um welche Konflikte geht es? Wir sprechen vom „NEM-Virus“ – Neid, Eifersucht und Missgunst. Wenn dieser Virus in einer Familie oder einem Unternehmen steckt, gibt es echte Probleme. Konflikte haben Eskalationsstufen:
Win-Win – beide suchen gemeinsam eine Lösung.
Win-Lose – einer gewinnt, der andere verliert.
Lose-Lose – beide verlieren, und der eine akzeptiert es, solange der andere noch mehr verliert. Das ist reiner Vernichtungskampf.
Deshalb sage ich: Eine Familie im Frieden ist ein Geschenk des Himmels, eine Familie im Unfrieden schlimmer als jeder Wettbewerb. Und das kommt häufiger vor, als man denkt.
Zur Person: Prof. Dr. Arnold Weissman
Prof. Dr. Arnold Weissman, geboren 1955 in Hof (Oberfranken), ist einer der führenden Strategieberater für Familienunternehmen im deutschsprachigen Raum. Bereits mit 21 Jahren übernahm er die Geschäftsleitung im Unternehmen seiner Eltern. Später gründete er die WeissmanGruppe und wurde zum gefragten Sparringspartner für inhaber- und familiengeführte Unternehmen.
Er ist Autor zahlreicher Fachbücher, lehrt als Hochschuldozent und hält internationale Vorträge. Arnold Weissman lebt in Heroldsberg, ist Vater von vier Kindern und verbringt seine Freizeit gerne mit Golf in seinem Heimatklub GC Erlangen, Familie, Biken und Skifahren. In diesem Jahr feierte er seinen 70. Geburtstag.
Wie wichtig sind Werte in so einer Konstellation? Können sie Unternehmen in Krisen stabilisieren?
Weissman: Unternehmenskultur ist die Summe der gelebten Selbstverständlichkeiten. Es geht darum, wie man im Alltag miteinander umgeht – nicht nur an Feiertagen. Werte sind wie das Fundament eines Gebäudes: Wenn es nicht stabil ist, hält das Haus nicht. Das lateinische Wort valere bedeutet „stark sein“ – die Römer wussten schon, dass Systeme nur mit stabilen Werten überleben. Vertrauen und Verlässlichkeit sind dabei entscheidend. Vertrauen ist das Ergebnis gemachter Erfahrungen, die Basis dafür ist Verlässlichkeit.
Jeder Golfer kennt den verzogenen Schlag, der im Rough landet. Was raten Sie Familienunternehmern, die durch Fehlentscheidungen oder Krisen zurückgeworfen wurden?
Weissman: Um es auf den Punkt zu bringen: Das passiert jedem. Wer behauptet, immer nur richtige Entscheidungen getroffen zu haben, ist ein Schwindler. Für mich gibt es keine Fehlentscheidungen. Man trifft sie immer auf Grundlage der Informationen, die man in diesem Moment hat. Ändern sich die Rahmenbedingungen – durch Kriege, Währungsschwankungen oder anderes –, kann eine Entscheidung im Nachhinein falsch wirken, war aber zum Zeitpunkt der Fällung richtig. Wichtig ist, bereit zu sein, sie zu korrigieren.
Man darf nie vergessen: Man kann nicht nicht entscheiden. Auch nicht zu entscheiden ist eine Entscheidung. Das Schlimmste ist, Entscheidungen auszusitzen. Das größte Risiko ist, kein Risiko einzugehen.
Welche Eigenschaften unterscheiden erfolgreiche Unternehmerfamilien in schwierigen Zeiten von denen, die scheitern?
Weissman: Erfolgreiche Familienunternehmen zeichnen sich durch Anpassungsfähigkeit aus. Darwin sprach vom „Survival of the Fittest“ – derjenige überlebt, der sich am besten an neue Bedingungen anpasst. Erfolgreiche Unternehmen wissen, dass sie sich immer wieder neu erfinden müssen. Oder wie es bei Alice im Wunderland heißt: „Wenn du auf der Stelle bleiben willst, musst du so schnell laufen, wie du kannst.“ Die Guten erfinden sich immer wieder neu, sind stolz auf ihre Vergangenheit und gehen mutig in die Zukunft.
Interview: Stefan Jablonka

